Kapitel 5. Ausflug nach Sylt.

Kapitel 5. Ausflug nach Sylt.

„Oh guck mal, Schafe! Und die laufen völlig frei herum!“ 

Im Mai 2021 öffnete Schleswig-Holstein nach einem langen und dunklen Corona-Winter langsam wieder seine Pforten für Touristen. Da meine Freundin zuvor noch nie auf Sylt war und immer nur Geschichten von der Insel gehört hatte, beschlossen wir einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Hoch oben im Norden, in List, befindet sich der Ellenbogen. Ein einzigartiges Naturschutzgebiet. Der Ellenbogen fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Mit seinen Dünen, dem Strand und seiner ganz besonderen Atmosphäre gehört er für mich zu den schönsten Orten in Deutschland.

Bei unserem Spaziergang zum nördlichsten Punkt Deutschlands bemerkten wir auf einmal, dass uns eine kleine Gruppe freilaufender Schafe mit ihren Lämmern folgte. Uns wurde eine ganz besondere Kulisse geboten. Die Sonne schien von oben herab. Die Wolken warfen ihr Schattenspiel auf die Dünenlandschaft und der Wind pfiff uns um die Ohren. Während wir den rauen Norden förmlich spürten, wanderten die Schafe gemütlich und sorglos an uns vorbei und verschwanden wenig später in den Dünen. Auf unserem Rückweg unterhielten wir uns über die Schafe und ihre Wolle. Es sind so schöne und friedliche Tiere. Und mit ihrer flauschigen Wolle sind sie das ganze Jahr über perfekt vor Wind und Wetter geschützt. Die wunderbaren Eigenschaften der Schafwolle erleben wir selbst jede Nacht, denn wir schlafen bereits seit mehreren Jahren unter Bettdecken, die mit Schafwolle gefüllt sind.

Als wir wieder zuhause angekommen waren, suchten wir nach Informationen über die Schafherde auf dem Ellenbogen und Verwendungszwecke für die Wolle. Wir fanden heraus, dass Schurwolle weitestgehend durch Baumwolle und Kunstfaser verdrängt worden ist und dass die Wolle heute oftmals nur noch als Abfallprodukt angesehen wird. In der Folge ist die gesamte Woll-Verarbeitungsindustrie in Europa bis auf wenige Spezialbetriebe verschwunden. Zudem deckt der Verkaufserlös der Wolle in der Regel nicht einmal mehr die Kosten, die durch die Schur entstehen.

Nach unserer Recherche rief ich den Schafhalter an. Wir unterhielten uns über seine Herde und über die Wolle. Er erzählte mir, dass er mit denselben Problemen, wie alle Schafhalter*innen zu kämpfen hatte. Für die Wolle gibt es kaum Abnehmer*innen, die Preise sind sehr niedrig und die Kosten für die Schur sind hoch. Kurzum: Im Gegensatz zu der Arbeit mit den Tieren bereitete ihm die Arbeit mit der Wolle keinen Spaß.

Nach dem ersten Gespräch grübelte ich weiter und entwarf zusammen mit meiner Freundin ein Vermarktungskonzept. Später rief ich den Schafhalter erneut an und beschrieb ihm meine Vorstellungen, wie aus seiner Wolle hochwertige Bettdecken und Kopfkissen entstehen könnten und der Rohstoff Wolle dadurch wieder Wertschätzung erfahren könnte. Zugegeben, die Begeisterung hielt sich in Grenzen und das Konzept wurde zunächst als überstürzte Corona-Idee abgetan. Inzwischen hat sich die typisch norddeutsche Skepsis aber gelegt und wir arbeiten seit über einem Jahr partnerschaftlich zusammen. Und unsere neuen Produkte können sich sehen lassen!

Die Bettdecken und Kopfkissen werden ausschließlich mit der Wolle der freilaufenden Schafherde am Sylter Ellenbogen gefüllt. Neben Wertschöpfung sorgen wir auch für Wertschätzung, indem wir langfristig die Abnahme garantieren und einen fairen Preis für die Wolle bezahlen. Die Bettdecken und Kopfkissen werden in einer kleinen Manufaktur in Norddeutschland gefertigt. Sollten unsere Decken einmal durch neue ersetzt werden, nehmen wir unsere alten Decken zurück, stellen aus der Wolle Dünger-Pellets her und schließen den Produktkreislauf, ganz nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip. Außerdem unterstützen wir mit einem Teil des Gewinns das Projekt #wärmegeben des Verein Hanseatic Help e. V. in Hamburg. Dank der Arbeit der Hilfsorganisation können obdachlose Menschen in Hamburg beispielsweise mit Thermounterwäsche und Schlafsäcken versorgt werden. 

Aus meinem Ausflug nach Sylt ist also auch ein unternehmerischer Ausflug geworden und aus dem Arbeitstitel ist inzwischen eine Marke entstanden: Sylter Dünenwolle. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich unternehmerisches Risiko lohnen muss. Trotzdem ist der Turbokapitalismus, welcher mir noch in der Hochschule eingebläut worden ist, in meinen Augen ein überholtes Konzept. Und das ist auch gut so. Die Marke Sylter Dünenwolle habe ich bewusst so aufgebaut, dass Mensch, Tier und Natur profitieren. Voneinander und nicht gegeneinander! Auf der Internetseite erfahrt ihr alles über die einzigartigen Sylter Produkte und die besonderen Werte.

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Kapitel 4. Wir bauen eine Manufaktur.
Epilog